
Zukunftsfähigkeit entsteht nicht durch die Verteidigung bestehender Märkte, sondern durch die gezielte Kannibalisierung des eigenen Erfolgsmodells.
- Versteckte Kosten und die Trägheit von Einmalverkäufen erodieren unbemerkt Ihre Marge und machen Sie angreifbar.
- Die Abhängigkeit von Plattformen wie Amazon oder Facebook ist eine strategische Zeitbombe, die jederzeit durch regulatorische Schocks explodieren kann.
Empfehlung: Analysieren Sie die Sollbruchstellen Ihres Modells und entwickeln Sie einen Plan B, um sich selbst zu disruptieren, bevor es ein Wettbewerber tut.
Als etablierter Unternehmer blicken Sie auf Jahre des Erfolgs zurück. Ihr Geschäftsmodell hat funktioniert, es hat Ihr Unternehmen getragen und Wohlstand geschaffen. Doch ein nagendes Gefühl der Unsicherheit macht sich breit. Sie beobachten, wie digitale Angreifer aus dem Nichts auftauchen und ganze Branchen umkrempeln. Die Namen Kodak, Nokia oder Blockbuster sind zu Schreckgespenstern geworden, die eine simple Wahrheit verkünden: Was heute profitabel ist, kann morgen irrelevant sein.
Der übliche Reflex sind hektische Betriebsamkeit und das Abrufen bekannter Berater-Plattitüden. Man rät Ihnen, Ihr Geschäft zu „digitalisieren“, eine SWOT-Analyse durchzuführen oder „agiler“ zu werden. Diese Ratschläge sind nicht falsch, aber sie kratzen nur an der Oberfläche. Sie behandeln Symptome, nicht die Ursache. Sie zielen darauf ab, Ihre bestehende Festung zu verteidigen, während der Feind bereits die Fundamente untergräbt.
Doch was, wenn die größte Bedrohung nicht der neue Wettbewerber aus dem Silicon Valley ist, sondern Ihr eigener Erfolg? Was, wenn die Strukturen, die Sie reich gemacht haben, genau die sind, die Ihren Untergang besiegeln? Dieser Artikel bricht mit der Logik der Verteidigung. Er liefert Ihnen eine provokante, aber analytische Perspektive: Die einzige Möglichkeit, Ihr Geschäftsmodell zukunftsfähig zu machen, ist die Bereitschaft zur kontrollierten Selbstkannibalisierung. Sie müssen lernen, Ihre profitablen Gewohnheiten aktiv zu hinterfragen und zu zerstören, bevor sie toxisch werden.
Wir werden die trügerische Sicherheit Ihrer aktuellen Bilanz demontieren, die stillen Killer in Ihrer Kostenstruktur aufdecken und Ihnen zeigen, wie Sie von einem reaktiven Verteidiger zu einem proaktiven Gestalter Ihrer eigenen Disruption werden. Es ist an der Zeit, das Skalpell anzusetzen, bevor andere die Axt anlegen.
Bevor wir uns den strategischen Details widmen, bietet das folgende Video eine visuelle Darstellung eines Prinzips, das sowohl in der Musik als auch in der Wirtschaft von entscheidender Bedeutung ist: Langlebigkeit durch einen unvergesslichen Kern, der sich dennoch an neue Zeiten anpassen kann.
In den folgenden Abschnitten werden wir die kritischen Schwachstellen traditioneller Geschäftsmodelle analysieren. Wir zeigen Ihnen, wie Sie diese identifizieren und strategisch umgestalten können, um nicht nur zu überleben, sondern auch in der digitalen Zukunft zu dominieren. Dieser Leitfaden ist Ihre Blaupause für den Wandel.
Inhaltsverzeichnis: Ihr Fahrplan zur Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells
- Warum Sie pro verkauftem Stück Geld verlieren, ohne es zu merken
- Wie wandeln Sie Einmalverkäufe in planbare Abo-Umsätze um?
- Plattformökonomie oder klassischer Handel: Wo liegt Ihre Zukunft?
- Das Risiko, Ihr Geschäft auf Amazon oder Facebook aufzubauen
- Wann Sie Ihr Geschäftsmodell radikal ändern müssen: Die 3 Phasen des Niedergangs
- Warum Marktführer scheitern: Wie Sie das eigene Geschäft kannibalisieren, bevor es andere tun
- Plan B entwickeln: Wie Sie sich auf disruptive Marktveränderungen vorbereiten
- Wie verteidigen Sie Ihren Marktanteil gegen digitale Angreifer aus dem Silicon Valley?
Warum Sie pro verkauftem Stück Geld verlieren, ohne es zu merken
Die gefährlichste Annahme in einem etablierten Unternehmen ist, dass ein positiver Deckungsbeitrag pro verkauftem Produkt gleichbedeutend mit echter Profitabilität ist. Diese Profitabilitäts-Illusion ignoriert eine wachsende Armee unsichtbarer Kosten, die Ihre Marge langsam, aber sicher auffressen. Es geht nicht um die offensichtlichen Produktionskosten, sondern um die versteckten Posten: überproportionale Service- und Garantieaufwände für ein bestimmtes Produkt, komplexe Retourenprozesse, teure Lagerhaltung für Ladenhüter oder der immense administrative Aufwand, der durch Bürokratie entsteht.
Gerade in einem Hochkostenland wie Deutschland sind diese Faktoren kritisch. Wie eine ZEW-Studie zeigt, belaufen sich die öffentlichen Ausgaben in Deutschland auf 49,48% des BIP, ein Umfeld, das Unternehmen zwingt, ihre eigene Kostenstruktur gnadenlos zu durchleuchten. Jeder Euro, der intern durch Ineffizienz verschwendet wird, ist ein Euro, der im Kampf gegen schlanke digitale Wettbewerber fehlt. Diese Angreifer haben oft keine Altlasten, keine komplexen physischen Vertriebsstrukturen und eine radikal optimierte Kostenbasis.
Das eigentliche Problem ist, dass diese versteckten Kosten oft nicht einem einzelnen Produkt zugeordnet werden, sondern im großen Topf der Gemeinkosten verschwinden. Sie verkaufen also möglicherweise ein Produkt, das auf dem Papier profitabel ist, aber in der Realität durch seinen Rattenschwanz an Folgekosten die Gewinne anderer Produkte subventioniert und Ihr gesamtes Unternehmen schwächt. Das ist die Sollbruchstelle, an der Disruptoren ansetzen. Sie identifizieren genau diese ineffizienten Nischen und bieten eine fokussierte, kostengünstigere Lösung an.
Wie wandeln Sie Einmalverkäufe in planbare Abo-Umsätze um?
Das klassische Geschäftsmodell des Einmalverkaufs ist ein Relikt aus einer vergangenen Ära. Es zwingt Sie in einen ständigen, teuren Zyklus der Neukundenakquise. Jeder Monat beginnt bei null. Im Gegensatz dazu schaffen abonnementbasierte Modelle eine stabile, planbare Umsatzbasis und wandeln die Kundenbeziehung von einer reinen Transaktion zu einer langfristigen Partnerschaft. Die Frage ist nicht mehr „Was verkaufen wir als Nächstes?“, sondern „Wie können wir den Wert für unsere bestehenden Kunden kontinuierlich steigern?“.
Die Transformation von einem physischen Produkt zu einem wiederkehrenden Service ist der Kern vieler erfolgreicher digitaler Geschäftsmodelle. Selbst traditionelle Industrieunternehmen erkennen dies: Statt nur Maschinen zu verkaufen, bieten sie „Predictive Maintenance“-Abos oder garantierte Betriebszeiten als Service an. Der Fokus verschiebt sich vom Produkt selbst hin zum Ergebnis, das der Kunde damit erzielt. Dieser Wandel eröffnet völlig neue Möglichkeiten zur Monetarisierung und Kundenbindung.

Ein herausragendes Beispiel für diese Entwicklung ist YouTube. Einst eine reine Plattform für Werbeeinnahmen, hat sich das Modell massiv diversifiziert. Wie eine aktuelle Analyse zeigt, gewinnen Kanalmitgliedschaften, die exklusiven Content bieten, Shopping-Integrationen direkt in Videos und bezahlte Kurzformate („Paid Shorts“) rasant an Bedeutung. Diese neuen Ströme bieten den Content-Erstellern – den „Unternehmern“ der Plattform – planbare Einnahmen und schaffen eine loyale Community, die bereit ist, für Mehrwert zu bezahlen. Dieses Prinzip ist direkt auf traditionelle Unternehmen übertragbar: Bieten Sie Ihren Kunden exklusive Vorteile, Premium-Support oder Zugang zu einer Community, um sie in ein Abo-Modell zu überführen.
Plattformökonomie oder klassischer Handel: Wo liegt Ihre Zukunft?
Die Entscheidung zwischen dem Aufbau einer eigenen Marke im klassischen Handel und der Nutzung großer digitaler Plattformen ist eine der weitreichendsten strategischen Weichenstellungen für etablierte Unternehmen. Es ist ein fundamentaler Konflikt zwischen Kontrolle und Reichweite. Der klassische Handel, ob physisch oder über den eigenen Onlineshop, gibt Ihnen die volle Kontrolle über Preisgestaltung, Markenbotschaft und – am wichtigsten – die Kundendaten. Doch der Aufbau von Reichweite ist langsam, teuer und mühsam.
Auf der anderen Seite lockt die Plattformökonomie mit einem schier unwiderstehlichen Versprechen: sofortiger Zugang zu Millionen von Kunden. Plattformen wie Amazon, YouTube oder spezialisierte Marktplätze haben die Einstiegshürden für den Vertrieb drastisch gesenkt. Wie relevant dies ist, zeigt ein Blick auf den deutschen Markt, wo allein YouTube laut Unternehmensangaben von über 56 Millionen Menschen monatlich in Deutschland genutzt wird. Die Skalierbarkeit ist exponentiell, die Anfangsinvestitionen sind im Vergleich zum Aufbau eigener Strukturen gering. Doch dieser Komfort hat einen hohen Preis: den Verlust der direkten Kundenbeziehung und eine gefährliche Abhängigkeit.
Die folgende Analyse zeigt die fundamentalen Unterschiede zwischen den beiden Welten, wobei die Daten von YouTube als Beispiel für die massive Reichweite einer Plattform dienen.
| Kriterium | Plattformökonomie | Klassischer Handel |
|---|---|---|
| Reichweite | Potenziell global und massiv (z.B. 70 Mrd. Shorts-Views täglich auf YouTube) | Lokal oder auf eigene Marketing-Reichweite begrenzt |
| Investition | Niedrige Einstiegshürden für den Vertrieb | Hohe Anfangsinvestitionen in Marke, Logistik und Infrastruktur |
| Skalierbarkeit | Exponentiell und schnell möglich | Linear und oft kapitalintensiv begrenzt |
| Kundenbindung | Indirekt über Algorithmen und Plattform-Features | Direkter, persönlicher Kontakt und eigene CRM-Systeme |
Die strategische Schlussfolgerung ist nicht, sich für das eine oder andere zu entscheiden, sondern eine hybride Strategie zu fahren. Nutzen Sie Plattformen als Reichweiten-Motor zur Neukundengewinnung, aber haben Sie immer eine klare Strategie, diese Kunden schrittweise in Ihr eigenes Ökosystem (eigener Shop, Newsletter, Community) zu überführen. Wer alles auf die Karte „Plattform“ setzt, baut sein Haus auf fremdem Grund.
Das Risiko, Ihr Geschäft auf Amazon oder Facebook aufzubauen
Ihr Geschäft auf einer externen Plattform wie Amazon, Facebook oder auch Google aufzubauen, ist wie das Errichten eines Wolkenkratzers auf einem gemieteten Grundstück mit täglich kündbarem Vertrag. Sie profitieren von der Lage und der Infrastruktur, aber Sie sind dem Wohlwollen des Vermieters vollständig ausgeliefert. Dieses Risiko, die Plattform-Falle, ist eine strategische Zeitbombe. Es manifestiert sich auf mehreren Ebenen: plötzliche Änderungen des Algorithmus, die Ihre Sichtbarkeit über Nacht ausradieren; Gebührenerhöhungen, die Ihre Marge vernichten; oder die Plattform wird selbst zum Wettbewerber und kopiert Ihre erfolgreichsten Produkte.
Die größte Gefahr ist jedoch der regulatorische Schock. Plattformen agieren global, aber Sie als Händler unterliegen lokalen und regionalen Gesetzen. Eine neue EU-Richtlinie kann das Geschäftsmodell einer Plattform von einem Tag auf den anderen illegal machen – und damit auch Ihres. Ein aktuelles Beispiel aus der Finanzwelt illustriert diese Gefahr perfekt. Ein Fintech-Experte analysierte die Auswirkungen einer kommenden EU-Regulierung auf Neobroker wie Trade Republic:
Ab 2026 in der EU verboten – Trade Republic muss sein Geschäftsmodell anpassen. Möglicherweise werden dann Gebührenerhöhungen eingeführt.
– Alexander (Fintech-Experte), Transaktionsgebuehren.com Analyse
Dieses Zitat zeigt, wie schnell ein externes Ereignis ein funktionierendes Modell ins Wanken bringen kann. Für einen Händler auf Amazon könnte dies eine neue Verpackungsverordnung oder eine verschärfte Datenschutzrichtlinie sein, die die Plattform zwingt, ihre Regeln zu ändern. Die einzige wirksame Verteidigung ist der Aufbau eigener, unabhängiger Kanäle. Nutzen Sie die Reichweite der Plattformen strategisch, aber Ihr oberstes Ziel muss immer der Aufbau einer direkten Beziehung zu Ihren Kunden sein – über eigene E-Mail-Listen, einen eigenen Onlineshop und eigene, DSGVO-konforme Kundendatenbanken.
Wann Sie Ihr Geschäftsmodell radikal ändern müssen: Die 3 Phasen des Niedergangs
Ein Geschäftsmodell stirbt selten über Nacht. Es ist ein schleichender Prozess, der oft erst bemerkt wird, wenn es zu spät ist. Der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit liegt darin, die subtilen Warnsignale zu erkennen, die den Niedergang ankündigen. Diese lassen sich in drei Phasen einteilen, die jeweils einen anderen Grad an Handlungsdringlichkeit erfordern. Wer diese Phasen ignoriert, handelt fahrlässig und steuert sehenden Auges auf die Krise zu. Ein Blick auf die Entwicklung von YouTube in Deutschland zeigt die Notwendigkeit zur Transformation: Der Wandel von einer reinen Videoplattform zu einem komplexen Ökosystem für die „Creator Economy“, das laut Unternehmensangaben 28.000 Arbeitsplätze unterstützt und eine Milliarde Euro zum deutschen BIP beiträgt, war eine solche radikale, aber notwendige Änderung, um relevant zu bleiben.
Die Phasen des Niedergangs können anhand konkreter betriebswirtschaftlicher Kennzahlen identifiziert werden. Die folgende Analyse, basierend auf einer Kostenstruktur-Anleitung, bietet einen klaren Rahmen, um den Zustand Ihres eigenen Geschäftsmodells zu diagnostizieren.
| Phase | Warnsignale | Handlungsbedarf |
|---|---|---|
| Phase 1: Erste Risse | Die Fixkosten übersteigen 60% der Gesamtkosten; die Umsatzentwicklung stagniert trotz steigender Marketingausgaben. | Dringende Überprüfung der Kostenstruktur und Effizienz. Leichte Anpassungen am Geschäftsmodell. |
| Phase 2: Erosion | Die variablen Kosten sind nicht mehr kontrollierbar; die Kundenloyalität sinkt spürbar; erste digitale Konkurrenten gewinnen Marktanteile. | Signifikante Anpassung des Geschäftsmodells erforderlich. Neue Umsatzquellen müssen erschlossen werden. |
| Phase 3: Krise | Die Marge pro Verkauf wird negativ; wichtige Mitarbeiter verlassen das Unternehmen; der Cashflow ist negativ. | Sofortige und radikale Transformation ist die letzte Überlebenschance. Das alte Modell muss aufgegeben werden. |
Die meisten etablierten Unternehmen reagieren erst in Phase 2 oder sogar 3. Der strategische Imperativ ist jedoch, bereits in Phase 1 zu handeln. In dieser Phase haben Sie noch die Zeit, die Ressourcen und die Glaubwürdigkeit, um den Kurs zu korrigieren. Eine radikale Änderung in Phase 1 fühlt sich kontraintuitiv an – warum etwas reparieren, das noch (scheinbar) funktioniert? Genau hier liegt der Unterschied zwischen einem Verwalter und einem visionären Unternehmer.
Warum Marktführer scheitern: Wie Sie das eigene Geschäft kannibalisieren, bevor es andere tun
Die Geschichte der Wirtschaft ist voll von Marktführern, die nicht von besseren, sondern von anderen Geschäftsmodellen besiegt wurden. Ihr Fehler war nicht mangelnde Qualität, sondern die Unfähigkeit, das eigene, profitable Kerngeschäft in Frage zu stellen. Sie klammerten sich an das, was sie groß gemacht hatte, während neue Technologien oder Kundenbedürfnisse die Spielregeln änderten. Die provokante, aber überlebenswichtige Strategie lautet daher: kontrollierte Selbstkannibalisierung. Es bedeutet, bewusst ein neues Produkt, einen neuen Service oder einen neuen Vertriebskanal einzuführen, der potenziell das eigene, bestehende Geschäft angreift und ihm Marktanteile wegnimmt.
Das klingt paradox, ist aber die einzige Versicherung gegen externe Disruption. Wenn Sie nicht bereit sind, Ihr eigenes Modell zu kannibalisieren, wird es ein anderer für Sie tun – und zwar ohne Rücksicht auf Ihre Verluste. Das Paradebeispiel für eine erfolgreiche Selbstkannibalisierung ist Googles Kauf von YouTube im Jahr 2006. Für 1,65 Milliarden Dollar erwarb Google einen direkten Konkurrenten seines eigenen Dienstes „Google Video“. Statt beide parallel laufen zu lassen, traf Google die radikale Entscheidung, voll auf YouTube zu setzen und damit das eigene Videoportal bewusst zu schwächen. Heute verarbeitet YouTube täglich über eine Milliarde Stunden Video und hat einen völlig neuen Wirtschaftszweig, die Creator-Economy, geschaffen.
Diese Strategie zahlt sich aus. Indem YouTube traditionelle Werbemodelle durch neue, direktere Monetarisierungsformen wie Kanalmitgliedschaften ergänzte und kannibalisierte, konnte die Plattform enorme Zuwächse verzeichnen. Allein in diesem Bereich verzeichnete YouTube einen Zuwachs von über 40% bei den Erstellern, die diese Tools nutzen. Dies beweist: Die Angst vor internen Umsatzeinbußen ist unbegründet, wenn das neue Modell ein größeres, zukunftsfähigeres Ökosystem schafft. Ihre Aufgabe als Unternehmer ist es, das „interne Startup“ zu gründen, das Ihr Hauptgeschäft angreift – bevor es ein externes tut.
Plan B entwickeln: Wie Sie sich auf disruptive Marktveränderungen vorbereiten
Die Hoffnung, dass sich der Markt nicht ändert, ist keine Strategie. Ein robustes Unternehmen denkt nicht nur in Optimierungen des bestehenden Modells, sondern entwickelt aktiv einen Plan B – oder sogar C und D. Die Vorbereitung auf disruptive Marktveränderungen erfolgt am besten durch systematische Szenarioplanung. Dabei geht es nicht darum, die Zukunft exakt vorherzusagen, sondern darum, die eigene Organisation mental und strukturell auf mögliche Schocks vorzubereiten. Diese Schocks können technologischer Natur sein, aber immer häufiger sind sie regulatorischer oder geopolitischer Herkunft.
Was passiert mit Ihrem Geschäftsmodell, wenn sich der CO2-Preis verdoppelt? Wenn die EU neue, strenge Quoten für die Kreislaufwirtschaft einführt? Wenn eine wichtige globale Lieferkette zusammenbricht? Oder wenn eine Verschärfung der Datenschutzregulierung Ihr datengetriebenes Marketingmodell unbrauchbar macht? Ein Unternehmen, das diese Fragen nicht nur diskutiert, sondern konkrete Handlungspläne für jedes Szenario in der Schublade hat, erarbeitet sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Es kann schneller und gezielter reagieren, während die Konkurrenz noch in der Schockstarre verharrt.
Die Entwicklung eines Plan B ist keine akademische Übung, sondern ein konkreter Prozess, der Ihr Unternehmen widerstandsfähiger macht. Die folgende Checkliste, inspiriert von Ansätzen zur Antizipation regulatorischer Änderungen, gibt Ihnen einen praktischen Rahmen an die Hand.
Ihr Aktionsplan zur Entwicklung eines robusten Plan B
- Szenarien definieren: Identifizieren Sie 3-4 plausible, aber disruptive Schocks (z.B. CO2-Preis-Verdopplung, Ausfall globaler Lieferketten, neue EU-Kreislaufwirtschafts-Quoten) und beschreiben Sie deren konkrete Auswirkungen auf Ihr Geschäft.
- Auswirkungen quantifizieren: Simulieren Sie die finanziellen Folgen jedes Szenarios. Wie stark würde Ihre Kostenstruktur betroffen sein? Welche Umsatzströme wären gefährdet?
- Gegenmaßnahmen entwickeln: Erarbeiten Sie für jedes Szenario konkrete alternative Handlungsoptionen. Das kann die Entwicklung alternativer Materialströme, die Erstellung einer Regionalisierungs-Matrix für Lieferanten oder die Anpassung des Geschäftsmodells an neue Datenschutzregeln umfassen.
- Ressourcen zuweisen: Bestimmen Sie, welche Ressourcen (finanziell, personell, technologisch) für die Umsetzung der Gegenmaßnahmen erforderlich wären und woher diese im Ernstfall kommen würden.
- Trigger-Punkte festlegen: Definieren Sie klare „Trigger-Punkte“ – externe Signale oder Schwellenwerte, bei deren Erreichen der jeweilige Plan B automatisch aktiviert wird, um Verzögerungen durch interne Diskussionen zu vermeiden.
Ein solcher proaktiver Ansatz verwandelt Unsicherheit von einer Lähmung in einen strategischen Vorteil. Sie sind nicht mehr Opfer der Umstände, sondern agieren als vorbereiteter Architekt Ihrer Zukunft.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Profitabilitäts-Illusion, bei der versteckte Kosten die Margen auffressen, ist eine größere Gefahr als sichtbare Konkurrenten.
- Eine strategische Abhängigkeit von Plattformen wie Amazon ist eine tickende Zeitbombe, die durch regulatorische Schocks jederzeit explodieren kann.
- Wahres Überleben sichert nicht die Verteidigung des Status quo, sondern die kontrollierte Selbstkannibalisierung – die Bereitschaft, das eigene Erfolgsmodell zu zerstören, bevor es andere tun.
Wie verteidigen Sie Ihren Marktanteil gegen digitale Angreifer aus dem Silicon Valley?
Die Antwort auf diese letzte, entscheidende Frage ist kontraintuitiv. Sie verteidigen Ihren Marktanteil nicht, indem Sie versuchen, die Angreifer mit ihren eigenen Waffen zu schlagen – mit noch mehr Technologie, noch mehr Daten, noch mehr Risikokapital. Dieser Kampf ist für die meisten etablierten deutschen Unternehmen von vornherein verloren. Die Verteidigung gelingt, indem Sie das Spielfeld ändern und Ihre vermeintlichen Nachteile in Stärken verwandeln. Die Angreifer aus dem Silicon Valley sind schnell, global und skalierbar. Aber sie sind auch oft gesichtslos, kulturell ignorant und operieren in einer rechtlichen Grauzone.
Ihre Stärke liegt in der lokalen Verankerung, der kulturellen Nähe und der regulatorischen Solidität. Anstatt die DSGVO als lästige Pflicht zu sehen, können Sie sie als Wettbewerbsvorteil nutzen. Ein Geschäftsmodell, das auf Vertrauen und transparentem Umgang mit Kundendaten basiert, ist für viele deutsche Kunden attraktiver als die datenhungrigen Modelle der US-Giganten. Eine Studie über deutsche YouTuber zeigt dieses Prinzip eindrucksvoll: Lokale Creator mit einem Marktwert von über 1,5 Milliarden Euro nutzen ihre kulturelle Relevanz und ihre DSGVO-Konformität, um sich gegen die globale Konkurrenz durchzusetzen. Rund 700 deutsche Kanäle mit über einer Million Abonnenten beweisen, dass lokale Vorteile strategisch genutzt werden können, um eine dominante Marktposition zu sichern.
Die ultimative Verteidigung ist also die Synthese aus den Erkenntnissen dieses Artikels: Eliminieren Sie Ihre internen Schwächen (versteckte Kosten), bauen Sie resiliente Umsatzmodelle (Abos), reduzieren Sie strategische Abhängigkeiten (Plattform-Falle) und seien Sie bereit, sich durch kontrollierte Selbstkannibalisierung neu zu erfinden. Ein solches Unternehmen ist kein schwerfälliger Tanker mehr, der auf den Eisberg zusteuert, sondern eine Flotte wendiger Schnellboote, die den Kurs jederzeit anpassen kann. Das ist eine Verteidigung, gegen die digitale Angreifer keine Antwort haben.
Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Geschäftsmodell nicht als heilige Kuh, sondern als permanentes Experiment zu betrachten. Führen Sie eine gnadenlose Analyse Ihrer versteckten Kosten durch und entwickeln Sie Ihr erstes Szenario für einen Plan B. Das ist der erste Schritt, um sicherzustellen, dass Ihr Unternehmen auch in fünf Jahren nicht nur existiert, sondern floriert.