
Der größte Irrtum vieler Unternehmer: Ein positiver BWA-Gewinn bedeutet unternehmerischen Erfolg. Die Realität ist oft ein leeres Konto, weil Gewinn nicht mit verfügbarem Geld (Liquidität) gleichzusetzen ist.
- Ihre BWA ist standardmäßig ein Rückspiegel, der nur die Vergangenheit beschreibt. Ohne aktive Analyse bleibt sie ein nutzloser „Zahlenfriedhof“.
- Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, den Buchhaltungsgewinn in die operative Realität des Cashflows zu übersetzen und zukünftige Entwicklungen zu planen.
Empfehlung: Nutzen Sie Ihre BWA nicht länger als Pflichtübung für das Finanzamt, sondern transformieren Sie sie in Ihr wichtigstes Steuerungsinstrument, um proaktiv die Zukunft Ihres Unternehmens zu sichern.
Sie kennen das Gefühl: Ihr Steuerberater schickt die monatliche betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA), Sie überfliegen die Zahlen, sehen vielleicht sogar einen Posten mit „Gewinn“ davor, aber ein Blick auf das Geschäftskonto verrät eine ganz andere Geschichte. Dort herrscht Ebbe, Rechnungen stapeln sich und Sie fragen sich: Wo ist das ganze Geld hin? Dieses Szenario ist für viele Handwerksmeister und Chefs von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) frustrierende Realität.
Die meisten begnügen sich damit, die BWA mit dem Vorjahr zu vergleichen oder die Kosten grob im Blick zu behalten. Das Dokument wird als eine Pflichtübung für das Finanzamt abgeheftet – ein reiner „Zahlenfriedhof“. Doch was wäre, wenn diese Zahlen, die so oft als lästig empfunden werden, in Wahrheit die Blaupause für Ihren zukünftigen Erfolg sind? Wenn die BWA kein Rückspiegel, sondern Ihr Navigationssystem werden könnte, das Sie sicher durch wirtschaftlich unsichere Zeiten lenkt?
Die wahre Kraft der BWA entfaltet sich erst, wenn man aufhört, sie als starren Bericht zu betrachten, und anfängt, sie als dynamisches Werkzeug zu nutzen. Der entscheidende Wechsel liegt in der Denkweise: weg von der passiven Verwaltung der Vergangenheit, hin zur aktiven Gestaltung der Zukunft. Es geht darum, die Sprache der Buchhaltung in die Sprache des unternehmerischen Alltags zu übersetzen und zu verstehen, warum Profitabilität allein kein Garant für finanzielle Stabilität ist.
Dieser Artikel ist Ihr Praxis-Leitfaden, um genau diesen Wandel zu vollziehen. Wir entschlüsseln die häufigsten Missverständnisse, zeigen Ihnen, wie Sie verborgene Kostenfresser aufdecken und geben Ihnen konkrete Werkzeuge an die Hand, um aus Ihrer BWA ein echtes Frühwarn- und Steuerungssystem für Ihr Unternehmen zu machen.
Um Ihnen einen klaren Weg durch diese komplexe Thematik zu bieten, haben wir den Artikel in übersichtliche Abschnitte gegliedert. Die folgende Übersicht hilft Ihnen dabei, direkt zu den für Sie relevantesten Punkten zu navigieren.
Inhaltsverzeichnis: Ihre BWA als aktives Management-Tool nutzen
- Warum Ihre BWA „Gewinn“ anzeigt, aber Ihr Konto leer ist
- Wie Sie herausfinden, welche Abteilung Geld verbrennt und welche verdient
- Zukunft gestalten oder Vergangenheit verwalten: Wo liegt der Unterschied?
- Die falsche Kalkulation, die Ihre Produkte am Markt zu teuer macht
- Dashboard statt Zahlenfriedhof: Wie Sie Daten entscheidungsgerecht aufbereiten
- Warum profitable Firmen trotzdem in die Zahlungsunfähigkeit rutschen
- Warum das EBIT für den operativen Vergleich wichtiger ist als der Nettogewinn
- Wie etablieren Sie einen monatlichen Soll-Ist-Vergleich, der Handlungsbedarf sofort aufzeigt?
Warum Ihre BWA „Gewinn“ anzeigt, aber Ihr Konto leer ist
Das wohl größte und teuerste Missverständnis für Unternehmer ist die Verwechslung von Gewinn und Liquidität. Ihre BWA weist einen Gewinn aus, weil sie nach dem Prinzip der Periodenabgrenzung funktioniert: Umsätze werden gebucht, wenn die Leistung erbracht wird (also die Rechnung gestellt ist), nicht erst, wenn der Kunde bezahlt. Gleichzeitig werden Kosten erfasst, wenn sie anfallen, nicht zwingend, wenn Sie die Rechnung überweisen. Das Ergebnis ist ein „Papiergewinn“, der nichts über den tatsächlichen Geldbestand auf Ihrem Konto aussagt.
In der Praxis bedeutet das: Sie haben eine große Rechnung an einen Kunden gestellt. Dieser Umsatz erhöht sofort den Gewinn in Ihrer BWA. Das Geld ist aber noch nicht da. Gleichzeitig müssen Sie aber Material, Löhne und Miete bezahlen – Ausgaben, die sofort von Ihrem Konto abgehen. Diese zeitliche Lücke zwischen ausgewiesenem Erfolg und real verfügbarem Geld ist die berüchtigte Liquiditätsfalle. Eine aktuelle Umfrage zeigt das Ausmaß des Problems: Laut der Agicap Mid-Market-Umfrage 2024 sehen sich deutsche Mittelstandsunternehmen durchschnittlich mit 20 signifikanten Liquiditätsengpässen (über 50.000 €) pro Jahr konfrontiert.
Praxisbeispiel: Die Wachstumsfalle im E-Commerce
Ein schnell wachsendes deutsches E-Commerce-Unternehmen musste trotz positiver BWA-Ergebnisse Insolvenz anmelden. Der Grund: Um das Wachstum zu finanzieren, musste massiv Ware vorfinanziert werden. Gleichzeitig stiegen die offenen Forderungen bei den Kunden. Dieser massive Anstieg des Working Capital (Umlaufvermögen) trocknete die Liquidität vollständig aus. Ein klassisches Beispiel dafür, wie stark Gewinn und verfügbarer Cash voneinander abweichen können und wie Wachstum zur Falle wird, wenn es nicht durch eine solide Liquiditätsplanung begleitet wird.
Der erste und wichtigste Schritt ist also, zu akzeptieren, dass die BWA allein kein verlässlicher Indikator für die finanzielle Gesundheit Ihres Unternehmens ist. Sie ist der Ausgangspunkt für die Analyse, aber niemals das Endergebnis. Die entscheidende Frage lautet immer: Was bedeutet dieser Gewinn für meinen Kontostand in den nächsten Wochen und Monaten?
Wie Sie herausfinden, welche Abteilung Geld verbrennt und welche verdient
Eine Standard-BWA (wie die BWA 01 von DATEV) zeigt Ihnen das Gesamtergebnis Ihres Unternehmens. Sie ist wie die Endsumme auf einem Kassenzettel. Sie wissen, was am Ende übrig bleibt, aber nicht, welches Produkt den meisten Umsatz gebracht hat oder welches ein Ladenhüter war. Übertragen auf Ihr Unternehmen: Sie sehen den Gesamtgewinn oder -verlust, aber Sie wissen nicht, ob Ihre Service-Abteilung die Gewinne erwirtschaftet, die Ihre Produktionsabteilung vielleicht verbrennt. Ohne diese Transparenz investieren Sie möglicherweise in die falschen Bereiche.
Um diese Einblicke zu gewinnen, benötigen Sie eine Kostenstellenrechnung. Hier werden Kosten und Erlöse nicht nur global erfasst, sondern spezifischen Bereichen (Abteilungen, Projekten, Maschinen) zugeordnet. So wird sichtbar, welcher Teil des Unternehmens profitabel ist und welcher subventioniert werden muss. Die Visualisierung unten verdeutlicht dieses Prinzip: Jeder Behälter steht für eine Abteilung mit unterschiedlichen Kosten- und Ertragsniveaus.

Wie das Schaubild andeutet, können einige Bereiche überlaufen (hochprofitabel), während andere fast leer sind (Verlustbringer). Erst diese differenzierte Sicht ermöglicht strategische Entscheidungen: Sollen Sie den unprofitablen Bereich sanieren, ihn verkleinern oder sogar ganz schließen? Wo lohnt es sich, weiter zu investieren? Ihr Steuerberater kann Ihnen dabei helfen, eine solche detailliertere Auswertung aufzusetzen. Es gibt verschiedene BWA-Formen, die für unterschiedliche Zwecke optimiert sind.
Die folgende Tabelle gibt einen vereinfachten Überblick über gängige BWA-Arten, die über die Standardauswertung hinausgehen und tiefere Einblicke ermöglichen.
| BWA-Typ | Zweck | Besonderheit |
|---|---|---|
| BWA 01 | Standardauswertung | Am weitesten verbreitet, für alle Branchen |
| BWA 04 | Unternehmerische Entscheidungen | Mit Vorjahresvergleich |
| BWA 51 | Kreditbeantragung | Zeigt alle Zahlungsströme |
| BWA 20 | Handwerksbetriebe | Branchenspezifische Anpassungen |
Zukunft gestalten oder Vergangenheit verwalten: Wo liegt der Unterschied?
Die meisten Unternehmer nutzen ihre BWA, um zurückzublicken. Sie analysieren, was im letzten Monat passiert ist – eine reine Verwaltung der Vergangenheit. Ein proaktiver Unternehmer nutzt die BWA jedoch als Basis, um nach vorne zu schauen. Der Unterschied ist fundamental: Reagieren Sie nur auf bereits eingetretene Ereignisse oder steuern Sie aktiv auf Ihre Ziele zu? Die Vergangenheit können Sie nicht mehr ändern, aber die Zukunft können Sie gestalten.
Der Weg dorthin führt über eine vorausschauende Planung. Anstatt nur Ist-Zahlen zu betrachten, erstellen Sie einen Plan (Soll-Zahlen) für die kommenden Monate. Dieser Plan basiert nicht auf vagen Hoffnungen („hoffentlich 3 % mehr Umsatz“), sondern auf konkreten Annahmen: geplante Aufträge, saisonale Effekte, anstehende Investitionen oder geplante Marketingaktionen. Indem Sie diese Plandaten monatlich mit den tatsächlichen Zahlen aus Ihrer BWA vergleichen, schaffen Sie ein mächtiges Frühwarnsystem. Profis machen das längst: Eine Studie zeigt, dass fortschrittliche Unternehmen zur Absicherung ihrer Pläne mittlerweile zu 80% auf Working-Capital-Lösungen setzen, was eine intensive Zukunftsplanung voraussetzt.
Ein besonders effektives Instrument hierfür ist der rollierende Forecast. Im Gegensatz zu einer starren Jahresplanung, die am Ende des Jahres oft veraltet ist, wird dieser Forecast jeden Monat aktualisiert. Sie blicken also immer 12 Monate in die Zukunft. Das ermöglicht es Ihnen, flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren und die Auswirkungen Ihrer Entscheidungen direkt zu sehen. Der folgende Plan zeigt, wie Sie einen solchen Prozess in Ihrem Unternehmen etablieren können.
Ihr Aktionsplan: Den rollierenden 12-Monats-Forecast etablieren
- Definieren Sie fixe monatliche Update-Termine für Ihren Forecast.
- Nutzen Sie die aktuellen BWA-Daten als Basis für die Ist-Analyse des abgelaufenen Monats.
- Integrieren Sie den aktuellen Auftragseingang und Ihre Vertriebspipeline in die Prognose.
- Passen Sie die Planung für die nächsten 3 Monate detailliert an; die Monate 4-12 können grober geplant werden.
- Dokumentieren Sie wichtige Annahmen bei der Planung und vergleichen Sie diese mit der Realität.
Die falsche Kalkulation, die Ihre Produkte am Markt zu teuer macht
Ein häufiger Fehler in KMU ist die Verwendung eines pauschalen Gemeinkostenzuschlags. Man nimmt alle Kosten, die nicht direkt einem Produkt zugeordnet werden können (Miete, Verwaltung, Gehälter), und schlägt sie prozentual auf alle Produkte oder Dienstleistungen auf. Das ist einfach, aber oft fatal. Es führt dazu, dass einfache, schnelle Aufträge die Kosten für komplexe, beratungsintensive Projekte mittragen (Quersubventionierung). Das Ergebnis: Ihre Standardprodukte sind am Markt zu teuer und nicht wettbewerbsfähig, während Sie bei den komplizierten Sonderanfertigungen vielleicht sogar draufzahlen, ohne es zu merken.
Eine BWA allein deckt dieses Problem nicht auf. Sie sehen nur die Gesamtkosten. Der Schlüssel liegt in einer differenzierten Kalkulation, die den tatsächlichen Aufwand berücksichtigt. Wie viel Zeit verbringt ein Mitarbeiter an einem Projekt? Welche Maschinen werden wie lange genutzt? Nur so erhalten Sie echte Kostentransparenz und können marktgerechte Preise festlegen. Diese mangelnde Detailtiefe in der Planung ist ein verbreitetes Problem, denn alarmierende Zahlen zeigen, dass 33% der CFOs im deutschen Mittelstand zugeben, dass ihre Unternehmen auf Basis unzuverlässiger Cashflow-Prognosen verwaltet werden.
Praxisbeispiel: Fehlerhafter Gemeinkostenzuschlag im Maschinenbau
Ein deutscher Maschinenbauer stellte durch eine Analyse fest, dass sein einheitlicher Gemeinkostenzuschlag seine Preisstruktur verzerrte. Einfache Standardprodukte subventionierten die hochkomplexen Sonderanfertigungen, weil der Verwaltungsaufwand für letztere viel höher war, aber nicht separat erfasst wurde. Nach der Einführung differenzierter Zuschlagssätze, die den tatsächlichen Aufwand widerspiegelten, konnte die Preisgestaltung marktgerecht angepasst werden. Die Standardprodukte wurden günstiger und wettbewerbsfähiger, während die Preise für Sonderanfertigungen, die den wahren Kosten entsprachen, angehoben wurden.
Überprüfen Sie Ihre Kalkulationsmethode kritisch. Eine pauschale Verteilung von Gemeinkosten ist ein bequemer Weg, sich selbst und den Markt zu täuschen. Eine ehrliche, aufwandsbezogene Kalkulation ist die Grundlage für nachhaltige Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit.
Dashboard statt Zahlenfriedhof: Wie Sie Daten entscheidungsgerecht aufbereiten
Eine BWA vom Steuerberater ist oft eine mehrseitige PDF-Datei voller Zahlenkolonnen – der sprichwörtliche „Zahlenfriedhof“. Für den schnellen Überblick im Tagesgeschäft ist das ungeeignet. Um wirklich schnelle und fundierte Entscheidungen treffen zu können, müssen die wichtigsten Kennzahlen (KPIs) auf einen Blick erfassbar sein. Das Ziel ist die Transformation der Datenwüste in ein übersichtliches Management-Dashboard oder Cockpit.
Stellen Sie sich das Armaturenbrett in Ihrem Auto vor: Sie sehen Geschwindigkeit, Tankfüllung und Motortemperatur sofort, ohne im Handbuch blättern zu müssen. Genau das leistet ein gutes Controlling-Dashboard. Es visualisiert die wichtigsten Hebel Ihres Unternehmens: Umsatzentwicklung, Deckungsbeitrag, Liquidität, Auftragseingang oder Personalkostenquote. Anstatt in Zahlenreihen nach Abweichungen zu suchen, erkennen Sie Trends und Probleme durch Grafiken, Diagramme und Ampelsysteme auf den ersten Blick.

Die Erstellung eines solchen Dashboards muss nicht kompliziert oder teuer sein. Oft reicht für den Anfang eine gut aufgebaute Excel-Tabelle. Zunehmend gibt es aber auch spezialisierte Software-Lösungen für KMU, die sich direkt mit den Daten vom Steuerberater (z.B. von DATEV) verbinden und die Auswertungen automatisieren. Diese Tools bieten oft auch Planungs- und Prognosefunktionen und ermöglichen so den Sprung vom reaktiven Reporting zum proaktiven Controlling.
Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl an Werkzeugen, die deutschen KMU dabei helfen, ihre Finanzdaten besser zu verstehen und zu nutzen. Die richtige Wahl hängt von der Unternehmensgröße und den spezifischen Anforderungen ab.
| Tool | Stärken | Zielgruppe | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| CANEI | Branchen-Benchmarks | KMU | Controlling-Experten inklusive |
| Companyon | Assistierte Budgetplanung | KMU | Individualisierbare Kennzahlen-Cockpits |
| Agicap | Liquiditätsprognose | Mittelstand | Automatisierte Cash-Flow-Analyse |
| Power BI | Flexibilität | Alle Größen | In Microsoft 365 oft enthalten |
Warum profitable Firmen trotzdem in die Zahlungsunfähigkeit rutschen
Es klingt paradox, ist aber eine der häufigsten Ursachen für Insolvenzen im Mittelstand: Das Unternehmen ist auf dem Papier profitabel, wächst vielleicht sogar stark, und ist plötzlich zahlungsunfähig. Dieses Phänomen wird auch als „Wachstumsfalle“ bezeichnet. Wie kann das passieren? Wachstum kostet Geld, bevor es Geld einbringt. Jeder neue Auftrag bindet Kapital, lange bevor die erste Zahlung des Kunden eingeht.
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Handwerksbetrieb und gewinnen einen riesigen Auftrag. Zuerst müssen Sie in Vorleistung gehen: Sie kaufen Material, planen Personalressourcen und beginnen mit der Arbeit. All diese Ausgaben belasten sofort Ihr Konto. Ihre BWA hingegen zeigt bereits einen Teil des zukünftigen Umsatzes und Gewinns, obwohl noch kein einziger Euro geflossen ist. Wenn Sie nun mehrere solcher Großaufträge gleichzeitig abwickeln und Ihre Kunden lange Zahlungsziele haben, kann Ihr Kontostand gefährlich schnell gegen Null sinken – trotz voller Auftragsbücher und einer „guten“ BWA.
Dieser Effekt wird durch hohe Lagerbestände und lange Forderungslaufzeiten (die Zeit, bis Ihre Kunden bezahlen) noch verstärkt. Das im Material und in unbezahlten Rechnungen gebundene Geld fehlt Ihnen für laufende Kosten wie Löhne, Miete oder Lieferantenrechnungen. Wenn dann eine unerwartete Ausgabe hinzukommt oder ein Kunde verspätet zahlt, kann das System kollabieren. Die Profitabilität in der BWA hat Sie in falscher Sicherheit gewogen, während die Liquidität, die eigentliche Lebensader des Unternehmens, versiegt ist.
Der einzige Schutz davor ist eine aktive und vorausschauende Liquiditätsplanung. Sie müssen jederzeit wissen, welche Geldeingänge und -ausgänge in den nächsten Wochen und Monaten anstehen. Verlassen Sie sich niemals allein auf den in der BWA ausgewiesenen Gewinn.
Warum das EBIT für den operativen Vergleich wichtiger ist als der Nettogewinn
Wenn Sie die Leistung Ihres Unternehmens bewerten oder mit Wettbewerbern vergleichen wollen, ist der Nettogewinn (das Ergebnis nach Steuern) oft irreführend. Warum? Weil er von Faktoren beeinflusst wird, die nichts mit Ihrer eigentlichen betrieblichen Leistung zu tun haben. Dazu gehören vor allem Zinszahlungen für Kredite und die Höhe der Steuern. Ein Unternehmen mit vielen Schulden hat hohe Zinskosten und damit einen niedrigeren Nettogewinn als ein schuldenfreies Unternehmen, obwohl beide operativ vielleicht gleich stark sind.
Hier kommt das EBIT (Earnings Before Interest and Taxes) ins Spiel. Diese Kennzahl zeigt das Ergebnis vor Zinsen und Steuern. Sie misst also die reine operative Ertragskraft Ihres Kerngeschäfts. Das EBIT macht Unternehmen vergleichbar, unabhängig davon, wie sie finanziert sind (Eigen- oder Fremdkapital) oder in welchem Land mit welchen Steuersätzen sie agieren. Es beantwortet die Frage: „Wie profitabel ist unser eigentliches Geschäftsmodell?“
Die folgende Tabelle verdeutlicht die Unterschiede zwischen den wichtigsten Erfolgskennzahlen und deren jeweiliger Aussagekraft.
| Kennzahl | Berücksichtigt | Ignoriert | Verwendung |
|---|---|---|---|
| EBIT | Operative Leistung | Zinsen, Steuern | Betriebsvergleich |
| EBITDA | Cash-Generierung | Zinsen, Steuern, Abschreibungen | Internationale Vergleiche |
| Nettogewinn | Alle Kosten | Nichts | Endgültiges Ergebnis |
Das EBIT ist nicht nur eine theoretische Größe, sondern hat auch eine hohe praktische Relevanz, zum Beispiel bei der Unternehmensbewertung. Der Wert eines Unternehmens wird oft als Vielfaches (Multiplikator) seines EBIT berechnet. So liegen laut DUB KMU Multiples 2025 die typischen EBIT-Multiplikatoren für deutsche KMU zwischen Faktor 4 bis 10, je nach Branche und Wachstumsaussichten. Ein höheres operatives Ergebnis steigert also direkt den Unternehmenswert.
Das Wichtigste in Kürze
- Gewinn ist nicht gleich Liquidität: Ein positiver BWA-Gewinn schützt nicht vor einem leeren Konto.
- Verwandeln Sie Ihre BWA von einem Rückspiegel (Vergangenheitsanalyse) in ein Navigationssystem (Zukunftsplanung).
- Ein monatlicher Soll-Ist-Vergleich ist Ihr wichtigstes Frühwarnsystem, um Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.
Wie etablieren Sie einen monatlichen Soll-Ist-Vergleich, der Handlungsbedarf sofort aufzeigt?
Die Theorie ist klar, doch wie setzen Sie ein Frühwarnsystem in der Praxis um? Der effektivste Weg ist ein strukturierter, monatlicher Soll-Ist-Vergleich. „Soll“ sind Ihre Plandaten für den Monat, „Ist“ sind die tatsächlichen Ergebnisse aus Ihrer BWA. Dieser Prozess zwingt Sie, sich jeden Monat aktiv mit der Entwicklung Ihres Unternehmens auseinanderzusetzen. Die reine Gegenüberstellung der Zahlen reicht jedoch nicht aus; entscheidend ist die Analyse der Abweichungen.
Ein einfaches, aber wirkungsvolles Werkzeug hierfür ist ein Ampelsystem. Definieren Sie Toleranzgrenzen für Abweichungen. Zum Beispiel: Eine Abweichung von unter 2 % ist grün (kein Handlungsbedarf). Eine Abweichung zwischen 2 % und 5 % ist gelb (beobachten und analysieren). Alles über 5 % ist rot und erfordert sofortige Maßnahmen. So fokussieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die wirklich kritischen Punkte und vermeiden es, sich in irrelevanten Details zu verlieren.
Praxisbeispiel: Von der Pauschalplanung zur zielbasierten Steuerung
Ein mittelständisches Unternehmen ersetzte die traditionelle „Vorjahr + 3 %“-Planung durch eine Bottom-up-Methode. Die Planung basierte nun auf konkreten Vertriebszielen, geplanten Projekten und realistischen Markteinschätzungen der jeweiligen Abteilungen. Das Ergebnis war beeindruckend: Die Plangenauigkeit im monatlichen Soll-Ist-Vergleich stieg von 70 % auf 92 %. Fehlentwicklungen wurden nicht erst am Jahresende, sondern innerhalb weniger Wochen erkannt und korrigiert, da die Planung auf der Realität und nicht auf pauschalen Steigerungsraten beruhte.
Der Prozess sollte fest in Ihrer Monatsroutine verankert sein. Legen Sie einen fixen Termin fest, an dem Sie sich mit Ihrem Team oder Berater zusammensetzen. Gehen Sie die roten und gelben Positionen durch. Fragen Sie nicht nur „Was ist passiert?“, sondern vor allem „Warum ist es passiert?“ und „Was tun wir jetzt, um gegenzusteuern?“. Definieren Sie für jede signifikante Abweichung eine konkrete Maßnahme und einen Verantwortlichen. Nur so wird aus der reinen Analyse eine aktive Steuerung.
Hören Sie auf, Ihre Zahlen nur für das Finanzamt zu produzieren. Beginnen Sie noch heute damit, einen monatlichen Soll-Ist-Vergleich zu etablieren, und machen Sie den ersten Schritt, um vom passiven Verwalter zum aktiven Gestalter Ihres unternehmerischen Erfolgs zu werden.