
Entgegen der landläufigen Meinung liegt der Schlüssel zu erfolgreichen Kritikgesprächen nicht in perfekten Gesprächstechniken, sondern in der emotionalen Vorarbeit und einer präventiven Führungskultur.
- Das Ignorieren kleiner Spannungen führt zu einer „emotionalen Vorverschuldung“, die spätere Gespräche eskalieren lässt.
- Empathie ist kein „Soft Skill“, sondern ein strategisches Werkzeug, das die Mitarbeiterbindung nachweislich erhöht und autoritäre Ansätze übertrifft.
Empfehlung: Konzentrieren Sie sich weniger auf den einen, gefürchteten Gesprächstermin und mehr auf das tägliche „Beziehungs-Konto“: Bauen Sie durch aktive Wahrnehmung und kleine Interventionen kontinuierlich Vertrauen auf.
Als Führungskraft kennen Sie das flaue Gefühl im Magen: Ein wichtiges, aber unangenehmes Gespräch mit einem Mitarbeiter steht an. Es geht um nachlassende Leistung, unkollegiales Verhalten oder schlichtweg um ein Projekt, das zu scheitern droht. Die meisten Ratgeber empfehlen Ihnen nun, sich gut vorzubereiten, „Ich-Botschaften“ zu senden und die Sandwich-Methode anzuwenden. Sie bereiten also Fakten vor, suchen einen neutralen Raum und nehmen sich fest vor, sachlich zu bleiben. Doch tief im Inneren wissen Sie, dass die Angst vor der emotionalen Reaktion, vor dem verletzten Stolz oder dem Vertrauensbruch die eigentliche Hürde ist. Sie sind eine harmoniebedürftige Führungskraft und Ihre größte Sorge ist, die Beziehung zum Mitarbeiter nachhaltig zu beschädigen.
Doch was wäre, wenn der Fokus auf das Gespräch selbst bereits der erste Fehler ist? Was, wenn die wahre Kunst nicht darin liegt, ein einzelnes, schwieriges Gespräch zu „überleben“, sondern eine Kultur zu schaffen, in der solche Gespräche ihren Schrecken verlieren? Dieser Artikel verlagert den Schwerpunkt von reaktiven Gesprächstechniken hin zu einer präventiven, psychologisch fundierten Führung. Es geht darum, emotionale Kompetenz als Ihr wichtigstes Werkzeug zu begreifen, um die subtilen Signale im Team frühzeitig zu deuten, die eigene Souveränität in Krisen zu wahren und Mitarbeiter so zu fördern, dass Probleme oft gar nicht erst eskalieren. Wir betrachten nicht nur das Gespräch, sondern das gesamte System, das es umgibt.
In den folgenden Abschnitten analysieren wir die psychologischen Dynamiken, die im Verborgenen wirken. Sie lernen, die wahren Ursachen für Leistungsabfall zu erkennen, die langfristigen Kosten von autoritärem Verhalten zu verstehen und durch gezielte Fragen eine Kultur der Eigenverantwortung zu etablieren. So werden Sie vom gefürchteten „Richter“ zum empathischen „Coach“.
Inhaltsverzeichnis: Wie Sie durch emotionale Führung schwierige Gespräche meistern
- Erschöpfung oder Faulheit: Wie Sie psychische Belastung im Team frühzeitig erkennen
- Warum „harte Hunde“ langfristig gegen empathische Chefs verlieren
- Wut kontrollieren: Wie Sie souverän bleiben, wenn Projekte scheitern
- Konflikte aussitzen: Warum Ignorieren das Problem im Team potenziert
- Kunden lesen: Wie EQ Ihnen hilft, unausgesprochene Einwände zu hören
- Der Führungsfehler, der Ihre Leistungsträger in den Burnout treibt
- Fragen statt Ansagen: Wie Sie Ihre Mitarbeiter zur Selbstständigkeit erziehen
- Warum Gehaltserhöhungen nur 3 Monate motivieren (und was wirklich wirkt)
Erschöpfung oder Faulheit: Wie Sie psychische Belastung im Team frühzeitig erkennen
Oft ist der erste Impuls bei nachlassender Leistung eines Mitarbeiters, an mangelnde Motivation oder gar Faulheit zu denken. Doch diese Annahme ist nicht nur oft falsch, sondern auch gefährlich. Die Realität am deutschen Arbeitsplatz zeigt ein anderes Bild: Psychische Erkrankungen sind ein zentraler Faktor für Arbeitsausfälle. Laut dem Fehlzeiten-Report 2024 sind sie für fast 12 Prozent aller Krankheitsfälle verantwortlich. Als empathische Führungskraft ist Ihre erste Aufgabe daher nicht zu urteilen, sondern wahrzunehmen. Es geht darum, die subtilen Anzeichen zu erkennen, die auf eine beginnende Erschöpfung hindeuten, lange bevor ein Burnout diagnostiziert wird.
Achten Sie auf Verhaltensänderungen: Zieht sich ein sonst kommunikativer Kollege plötzlich zurück? Reagiert eine sonst gelassene Mitarbeiterin zunehmend gereizt auf Kleinigkeiten? Häufen sich Flüchtigkeitsfehler bei einer Person, die für ihre Sorgfalt bekannt war? Dies sind keine Beweise, aber wichtige Indikatoren für eine Überlastung. Ihre Rolle ist die eines Seismografen, der leichte Erschütterungen spürt, bevor das große Beben kommt. Es geht nicht darum, Diagnosen zu stellen – das ist Aufgabe von Fachleuten. Ihre Verantwortung ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es möglich ist, über Belastung zu sprechen, ohne Stigmatisierung befürchten zu müssen. Ein proaktives „Ich habe bemerkt, dass du in letzter Zeit sehr angespannt wirkst. Wie geht es dir wirklich?“ kann eine entscheidende Tür öffnen und zeigt, dass Sie den Menschen hinter der Arbeitsleistung sehen.
Ihr Frühwarnsystem für mentale Belastung: Eine 5-Punkte-Checkliste
- Kontaktpunkte definieren: Legen Sie fest, wo Sie Signale systematisch beobachten (z.B. Team-Meetings, 1-on-1s, informeller Austausch in der Kaffeeküche).
- Verhaltensänderungen sammeln: Notieren Sie konkrete, beobachtbare Veränderungen im Vergleich zum Normalverhalten (z.B. „verpasst Deadlines“, „ist stiller in Meetings“, „reagiert zynisch“).
- Mit Baseline abgleichen: Beurteilen Sie die Abweichungen vom typischen Verhalten des Mitarbeiters. Ist die Veränderung plötzlich und stark oder schleichend?
- Muster erkennen: Suchen Sie nach wiederkehrenden Mustern oder einer Häufung von Signalen über mehrere Wochen. Ein einzelner schlechter Tag ist kein Trend.
- Gesprächsplan erstellen: Bereiten Sie auf Basis Ihrer Beobachtungen ein wertfreies Gespräch vor, das mit einer offenen Frage beginnt („Wie geht es dir?“) statt mit einem Vorwurf.
Warum „harte Hunde“ langfristig gegen empathische Chefs verlieren
Das Bild des knallharten Managers, der mit eiserner Faust durchgreift und Ergebnisse erzwingt, hält sich hartnäckig in vielen Köpfen. Dieser autoritäre Stil mag kurzfristig für Disziplin und scheinbare Effizienz sorgen. Langfristig jedoch erzeugt er ein toxisches Klima aus Angst, innerer Kündigung und geringer Innovationskraft. Mitarbeiter, die nur aus Furcht vor Konsequenzen arbeiten, werden niemals ihr volles Potenzial entfalten. Sie leisten Dienst nach Vorschrift und hüten sich davor, Risiken einzugehen oder kreative Ideen vorzuschlagen. Die wahre Stärke einer Führungskraft liegt heute nicht in ihrer Härte, sondern in ihrer Fähigkeit, eine psychologisch sichere Umgebung zu schaffen.
Empathische Führung bedeutet nicht, konfliktscheu zu sein oder auf Leistungsstandards zu verzichten. Im Gegenteil. Das Konzept der „Compassionate Accountability“ (mitfühlende Verantwortlichkeit) verbindet beides: hohe Empathie für den Menschen und hohe Erwartungen an die Leistung. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeiter wissen, dass sie als Person wertgeschätzt werden, auch wenn ihre Leistung kritisiert wird. Dieser Ansatz zahlt direkt auf das „Beziehungs-Konto“ ein: Jede verständnisvolle Geste, jedes offene Ohr ist eine Einzahlung. Ein schwieriges Gespräch ist dann eine Abhebung, die das Konto nicht sofort überzieht. Die folgende symbolische Darstellung verdeutlicht den Unterschied zwischen einem offenen, einladenden und einem verschlossenen, abwehrenden Führungsstil.

Dass dieser Ansatz nicht nur ideologisch, sondern auch wirtschaftlich überlegen ist, zeigen konkrete Beispiele aus der Praxis. Empathie ist keine Schwäche, sondern ein strategischer Vorteil, der die emotionale Bindung und damit die Leistungsbereitschaft des Teams direkt beeinflusst.
Fallstudie: Mittelständler steigert Mitarbeiterbindung durch empathische Führung
Ein deutscher Mittelständler aus der Fertigungsindustrie stand vor dem Problem einer hohen Fluktuation und niedriger emotionaler Bindung. Statt den Druck zu erhöhen, investierte das Unternehmen in ein Führungskräfteprogramm, das auf empathische Gesprächsführung und klare, aber wertschätzende Leistungserwartungen setzte. Das Ergebnis: Laut internen Erhebungen, die sich an der Methodik des Gallup Index orientierten, konnte die emotionale Bindung der Mitarbeiter innerhalb eines Jahres von 14 % auf über 30 % gesteigert werden. Die Krankheitsrate sank, und die Zahl der Verbesserungsvorschläge aus der Belegschaft verdreifachte sich.
Wut kontrollieren: Wie Sie souverän bleiben, wenn Projekte scheitern
„Die Souveränität des Chefs im Krisenmoment ist der Lackmustest für die viel beschworene Fehlerkultur.“
– Dr. Antje Ducki, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie, Berliner Hochschule für Technik
Ein entscheidendes Projekt platzt, ein wichtiger Kunde ist verärgert, ein Teammitglied hat einen gravierenden Fehler gemacht. In solchen Momenten kocht die Wut hoch – eine Mischung aus Enttäuschung, Stress und dem Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Ihre instinktive Reaktion wäre vielleicht, Ihrem Ärger Luft zu machen, einen Schuldigen zu suchen oder mit Konsequenzen zu drohen. Doch als Führungskraft können Sie sich diesen Luxus nicht leisten. Ihre emotionale Reaktion in diesem Moment sendet eine Welle durch das gesamte Team und definiert die wahre Fehlerkultur Ihres Unternehmens, weit mehr als jedes Hochglanzpapier es könnte.
Souveränität in der Krise bedeutet nicht, keine Emotionen zu haben, sondern sie zu managen. Der erste Schritt ist, sich selbst eine kurze Pause zu gönnen. Statt sofort zu reagieren, sagen Sie: „Okay, das ist eine unerwartete Entwicklung. Ich brauche einen Moment, um das zu verarbeiten. Lassen Sie uns in 15 Minuten darüber sprechen.“ Diese Pause gibt Ihnen die Möglichkeit, den ersten Adrenalinstoß abklingen zu lassen und vom reaktiven „Reptiliengehirn“ in den analytischen präfrontalen Kortex umzuschalten. Entwickeln Sie einen persönlichen „Souveränitätsanker“: Das kann ein tiefer Atemzug sein, ein kurzer Gang an die frische Luft oder das stille Wiederholen eines Mantras wie „Fokus auf die Lösung, nicht auf das Problem“. Erst wenn Sie Ihre eigene emotionale Balance wiedergefunden haben, können Sie das Gespräch führen – nicht als Ankläger, sondern als Krisenmanager, dessen Ziel es ist, den Schaden zu begrenzen und aus dem Fehler zu lernen.
Konflikte aussitzen: Warum Ignorieren das Problem im Team potenziert
Als harmoniebedürftige Führungskraft neigen Sie vielleicht dazu, kleinere Reibereien im Team zu übersehen. Die Hoffnung: „Das regelt sich schon von selbst.“ Doch dieser Ansatz ist trügerisch. Unausgesprochene Konflikte, unterschwellige Spannungen und kleine Ärgernisse verschwinden nicht – sie sammeln sich an wie Zinsen auf einem überzogenen Konto. In der Psychologie spricht man hier von einer „emotionalen Vorverschuldung“. Jedes Mal, wenn Sie ein problematisches Verhalten ignorieren oder ein notwendiges Gespräch aufschieben, wächst dieser unsichtbare Schuldenberg. Die Atmosphäre im Team wird schleichend vergiftet, die Produktivität sinkt, und die Zusammenarbeit wird von Misstrauen und passiver Aggression geprägt. Die folgende Darstellung eines leeren Büros mit wachsenden Schatten symbolisiert diese akkumulierenden, unsichtbaren Spannungen.

Wenn dann ein kleiner, neuer Anlass hinzukommt – eine unglückliche E-Mail, eine verpasste Deadline –, bricht der gesamte aufgestaute Frust hervor. Das einst kleine Problem ist nun zu einer emotionalen Kernschmelze geworden. Das schwierige Gespräch, das Sie nun führen müssen, ist ungleich härter, weil es nicht mehr nur um den aktuellen Anlass geht, sondern um die gesamte Vorgeschichte von ungelösten Konflikten. Proaktives Handeln ist daher unerlässlich. Greifen Sie frühzeitig ein, wenn Sie Spannungen bemerken. Ein informeller Check-in („Ich habe den Eindruck, die Stimmung zwischen Ihnen und Herrn Meier ist angespannt. Täuscht das?“) kann oft schon ausreichen, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Ein solch frühzeitiges Eingreifen ist keine Eskalation, sondern präventive Führung. Es signalisiert Ihrem Team, dass Probleme angesprochen werden dürfen und sollen, bevor sie unkontrollierbar werden.
Kunden lesen: Wie EQ Ihnen hilft, unausgesprochene Einwände zu hören
Der Titel dieses Abschnitts mag überraschen – was hat das Lesen von Kunden mit Mitarbeiterführung zu tun? Alles. Die Fähigkeit, unausgesprochene Bedürfnisse, Bedenken und Emotionen bei einem Kunden zu erkennen, basiert auf derselben Kernkompetenz, die Sie für die Führung Ihres Teams benötigen: hohe emotionale Intelligenz (EQ). Ein guter Verkäufer hört nicht nur, was der Kunde sagt, sondern achtet auf das, was er *nicht* sagt – auf Zögern, Körpersprache und die Emotionen zwischen den Zeilen. Genau diese Fähigkeit müssen Sie als Führungskraft kultivieren, um die wahren Ursachen hinter Leistungsproblemen oder Konflikten zu verstehen.
Wenn ein Mitarbeiter in einem Gespräch sagt „Alles in Ordnung“, aber dabei den Blickkontakt meidet und angespannt wirkt, sagt sein nonverbales Verhalten das Gegenteil. Wenn auf die Frage „Haben Sie dazu noch Fragen?“ ein schnelles „Nein“ kommt, obwohl das Thema komplex ist, könnte dies auf Unsicherheit oder die Angst, unwissend zu erscheinen, hindeuten. Anstatt sich mit oberflächlichen Antworten zufriedenzugeben, nutzen Sie fortgeschrittene Fragetechniken, um tiefer zu graben. Diese Techniken, oft aus der systemischen Beratung und dem Coaching entlehnt, helfen, blockierte Denkmuster aufzubrechen und die eigentlichen Beweggründe aufzudecken.
- Zirkuläre Fragen: „Was würde Ihr Kollege sagen, was der wahre Grund für die Verzögerung im Projekt ist?“ (Fördert einen Perspektivwechsel)
- Skalierungsfragen: „Auf einer Skala von 1 bis 10, wie zuversichtlich sind Sie, dass wir diese Deadline halten können? Was bräuchten Sie, um von einer 6 auf eine 8 zu kommen?“ (Macht Gefühle messbar und lösungsfokussiert)
- Hypothetische Fragen: „Angenommen, das Budget wäre kein Thema – wie würden Sie das Problem dann lösen?“ (Löst kreatives Denken von realen Beschränkungen)
Durch den Einsatz solcher Fragen verwandeln Sie ein konfrontatives Verhör in eine gemeinsame Erkundung. Sie signalisieren echtes Interesse und helfen dem Mitarbeiter, seine eigenen Lösungen zu finden.
Der Führungsfehler, der Ihre Leistungsträger in den Burnout treibt
Es ist ein weit verbreitetes und gefährliches Paradoxon: Oft sind es nicht die leistungsschwachen, sondern die engagiertesten Mitarbeiter, die am stärksten von Burnout bedroht sind. Warum? Weil ihre hohe Motivation, ihre Zuverlässigkeit und ihr Verantwortungsbewusstsein sie zu denjenigen machen, auf die immer noch eine weitere Aufgabe geladen wird. Sie sagen selten „Nein“ und wollen niemanden im Stich lassen. Als Führungskraft ist es verlockend, sich auf diese „sicheren Bänke“ zu verlassen. Doch ohne aktive Fürsorge und Anerkennung wird diese Stärke zur Falle. Der häufigste Führungsfehler ist, die hohe Leistung als selbstverständlich anzusehen und die stillschweigende Annahme zu treffen: „Die schaffen das schon.“
Dieser Mangel an Wertschätzung und Entwicklungsperspektiven ist ein schleichendes Gift. Der Leistungsträger fühlt sich ausgenutzt und seine intrinsische Motivation erodiert. Er brennt nicht für die Aufgabe, sondern an ihr aus. Die Folgen sind gravierend, nicht nur für den Einzelnen, sondern für das gesamte Unternehmen. Eine psychische Erkrankung infolge von Dauerbelastung ist keine Kleinigkeit; laut DAK-Psychreport 2024 dauert ein solcher Ausfall durchschnittlich 28,5 Tage. Wenn Ihr bester Mitarbeiter für einen Monat ausfällt, ist der Schaden immens. Deshalb ist es Ihre Pflicht, gerade bei Ihren Top-Performern genau hinzusehen. Fragen Sie proaktiv nach der Arbeitsbelastung, schaffen Sie Freiräume für strategische Aufgaben statt nur für das operative Tagesgeschäft und, am wichtigsten: Sorgen Sie für echte Anerkennung und sichtbare Entwicklungschancen. Ein einfaches „Danke“ ist wichtig, aber eine neue, spannende Verantwortung oder eine gezielte Weiterbildung ist die Währung, die Leistungsträger wirklich schätzen.
Fragen statt Ansagen: Wie Sie Ihre Mitarbeiter zur Selbstständigkeit erziehen
Ein Mitarbeiter kommt mit einem Problem zu Ihnen. Der schnellste Weg scheint klar: Sie analysieren die Situation kurz und geben eine klare Anweisung, was zu tun ist. Das Problem ist gelöst, und Sie können sich wieder Ihrer eigenen Arbeit widmen. Doch dieser Weg ist eine Falle. Mit jeder direkten Anweisung erziehen Sie Ihre Mitarbeiter zur Unselbstständigkeit. Sie schaffen eine Abhängigkeitskultur, in der Sie zum zentralen Problemlöser für alles und jeden werden. Langfristig führt dies zu Ihrer eigenen Überlastung und zur Demotivation Ihres Teams, da die Mitarbeiter keine Chance erhalten, eigene Kompetenzen zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen.
Der Ausweg aus dieser Falle ist ein fundamentaler Wechsel in Ihrer Kommunikation: vom Ansager zum Coach. Statt Lösungen vorzugeben, stellen Sie Fragen, die den Mitarbeiter dazu anregen, selbst eine Lösung zu finden. Eine bewährte Methode hierfür ist das GROW-Modell, ein einfacher, aber wirkungsvoller Gesprächsleitfaden, der den Mitarbeiter durch den Prozess der Lösungsfindung führt. Die Hände auf dem Bild, die gemeinsam an einer Lösung arbeiten, symbolisieren diesen partnerschaftlichen Ansatz.

Das Modell strukturiert das Gespräch in vier klare Phasen:
- Goal (Ziel): „Was genau möchten Sie in diesem Gespräch erreichen? Woran erkennen wir eine gute Lösung?“
- Reality (Realität): „Was ist die aktuelle Situation? Was haben Sie bereits versucht? Wer ist noch davon betroffen?“
- Options (Optionen): „Welche verschiedenen Möglichkeiten gibt es? Was könnten Sie noch tun? Was würden Sie tun, wenn es keine Einschränkungen gäbe?“
- Will (Wille/Weg): „Für welche Option entscheiden Sie sich? Was ist Ihr konkreter nächster Schritt? Welche Unterstützung benötigen Sie von mir?“
Dieser Ansatz erfordert anfangs mehr Zeit und Geduld als eine schnelle Anweisung. Doch die Investition zahlt sich hundertfach aus. Sie entwickeln nicht nur die Fähigkeiten Ihres Teams, sondern schaffen sich auch selbst die Freiräume, um strategisch statt nur operativ zu arbeiten.
Das Wichtigste in Kürze
- Präventive Führung ist wirksamer als reaktive Krisenintervention. Erkennen Sie Belastungssignale frühzeitig, um Eskalationen zu vermeiden.
- Empathie ist eine strategische Stärke, keine Schwäche. Sie baut das „Beziehungs-Konto“ auf, das für schwierige Gespräche unerlässlich ist.
- Wahre Motivation ist intrinsisch. Anerkennung, Entwicklung und Sinnhaftigkeit wirken nachhaltiger als jede Gehaltserhöhung.
Warum Gehaltserhöhungen nur 3 Monate motivieren (und was wirklich wirkt)
In vielen Unternehmen ist die Gehaltserhöhung immer noch das Mittel der Wahl, um Leistung zu belohnen und Mitarbeiter zu halten. Kurzfristig funktioniert das auch: Der Mitarbeiter freut sich, fühlt sich wertgeschätzt und ist motiviert – für eine Weile. Doch die psychologische Forschung ist sich einig, dass der motivierende Effekt von Geld schnell verpufft. Nach spätestens drei bis sechs Monaten wird das höhere Gehalt zur neuen Normalität, zum Hygienefaktor. Es motiviert nicht mehr, sein Fehlen würde aber demotivieren. Wenn Sie also versuchen, ein Problem der mangelnden Anerkennung, der schlechten Führung oder der fehlenden Sinnhaftigkeit mit Geld zu lösen, betreiben Sie nur teure Symptombekämpfung.
Was aber wirkt dann nachhaltig? Die Antwort liegt in den intrinsischen Motivatoren, die in den vorherigen Abschnitten bereits angeklungen sind: Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit. Mitarbeiter wollen das Gefühl haben, ihre Arbeit eigenverantwortlich gestalten zu können (Autonomie). Sie wollen ihre Fähigkeiten einsetzen und weiterentwickeln (Kompetenzerleben). Und sie wollen sich als wertgeschätzter Teil eines Teams fühlen, in dem offene Kommunikation und gegenseitiger Respekt herrschen (soziale Eingebundenheit). Genau hier schließt sich der Kreis zu einer empathischen, präventiven Führung. Jeder Coaching-Ansatz (H2 #7), jede gezeigte Wertschätzung für Leistungsträger (H2 #6) und jedes frühzeitig geführte, klärende Gespräch (H2 #4) zahlt auf dieses Konto der intrinsischen Motivation ein.
Die tragische Realität auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist, dass genau diese Faktoren massiv vernachlässigt werden. Der Gallup Engagement Index 2024 zeigt, dass die emotionale Mitarbeiterbindung auf einem historischen Tiefstand ist. Erstmals liegt der Anteil der emotional hoch gebundenen Arbeitnehmer im einstelligen Bereich. Lediglich 9 % der Beschäftigten in Deutschland fühlen eine starke emotionale Verbundenheit zu ihrem Arbeitgeber. Diese Zahl ist ein Alarmsignal. Sie beweist, dass finanzielle Anreize allein keine loyale und engagierte Belegschaft schaffen können. Die wahre Währung der modernen Arbeitswelt ist eine Führungskultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Indem Sie diese Prinzipien der emotionalen Kompetenz und präventiven Führung in Ihren Alltag integrieren, werden schwierige Gespräche nicht verschwinden, aber sie werden ihren Schrecken verlieren. Sie werden zu einem normalen, konstruktiven Teil einer gesunden und resilienten Teamkultur. Beginnen Sie noch heute damit, bewusst in das „Beziehungs-Konto“ Ihrer Mitarbeiter einzuzahlen.